World-of-Warcraft-Spieler waren bereits häufiger Ziel cyberkrimineller Aktivitäten, was einige unter ihnen inzwischen datenschutztechnisch sensibilisiert hat. Als daher der Betreiber des Spiels Blizzard Entertainment vor einiger Zeit dem Spiel mit der sog. „Armory“ eine Funktion hinzufügte, die es um Social-Network-Funktionen erweiterte, wurden sie so allmählich wach. Die Armory ist eine allgemein, d.h. nicht nur für Spielteilnehmer erreichbare Suchfunktion, die neben zahlreichen Informationen zu Spieldetails auch Profile der teilnehmenden Charaktere liefert. Wer also wissen will, was ein bestimmter Avatar so erlebt hat, bekommt es mit dieser Suchfunktion heraus. Und kann damit sogar nachvollziehen, wann und wie häufig jemand im Spiel aktiv ist. Zwar liefert die Funktion keine Zuordnung von Spielern zu Avataren. Aber wenn ein Spieler zu einem früheren Zeitpunkt die Namen seiner Avatare preisgegeben hat, lassen sich mit der Armory leicht Rückschlüsse auf sein Spielverhalten ziehen.
Was z.B. Arbeitgeber bzgl. krankgemeldeter Arbeitnehmer und Auszubildende durchaus interessieren könnte (vgl. Beispielfall einer wegen privater Facebook-Nutzung gekündigten Arbeitnehmerin). Datenhungrigen Unternehmen ist ja inzwischen praktisch alles zuzutrauen. Und mit Recht und Gesetz wird es da oft ebenso wenig genau genommen wie mit Ethik und Moral (vgl. die zunehmenden Fälle von inszenierten Bagatellkündigungen zur Umgehung des Kündigungsschutzgesetzes)
Netzsherriff.de zum Thema Armory im WoW:
Jetzt koennen Eltern ihre Kinder, Freunde ihre Freunde, Arbeitgeber ihre Azubis oder Arbeitnehmer noch einfacher ueberwachen. Sobald ich weiss wer welchen Charakter spielt kann ich ab sofort und je nach Aktivitaet auch noch auf Jahre zurueck nachvollziehen was wann gemacht wurde. Nicht jeder Login und jede verspielte Minute aber immer noch genug fuer ein interessantes Profil. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern bis Blizzard die /played Information integriert – die insgesamt aufaddierte Spielzeit in Stunden/Tagen/Monaten pro Charakter.
Zudem ist nicht vorgesehen, dass WoW-Spieler die Veröffentlichung ihrer Spieldaten deaktivieren können. Was sie inzwischen zunehmend auf die Palme bringt und zu Protesten in Spielerforen veranlasst.
Zumal anzunehmen ist, dass diese eigenmächtige und mit niemandem abgestimmte Aktion von Blizzard rechtlich durchaus angreifbar ist, wie z.B. Florian Kretzer in einer lesenswerten Kommentierung im IT-Sicherheitsblog datenschutzrechtlich und vertragsrechtlich erläutert.
(die in seinem Artikel erwähnte EU-Datenschutzrichtlinie 95/46/E, das Fundament des europäischen Datenschutzrechts, gibt es hier im Volltext)
Es bleibt also abzuwarten, ob Blizzard die Armory freiwillig entschärft. Oder ob Spieler Beschwerden bei Datenschutzbeauftragten gegen Blizzard einreichen und diese Überprüfungen veranlassen, Bußgelder verhängen und Gewinne abschöpfen.
Einmal mehr zeigt sich ein Phänomen, das man „digitale Konvergenz“ nennen könnte. Reale und virtuelle Welt kommen einander immer näher. Was in der einen Welt geschieht, hat zunehmend Auswirkungen auf das Geschehen in der anderen. Sich in eine virtuelle Welt zurückzuziehen, um sich der Misslichkeiten der Realität zu entledigen, klappt immer weniger.
Andererseits soll es ja tatsächlich engagierte WoW-Spieler geben, die ihr so generiertes Spielerprofil als gutes Mittel zum Beleg ihrer Kompetenzen als Raidleiter für ihre Bewerbung auf dem Arbeitsmarkt sowie als Bestandteil ihrer generellen Online-Reputation ansehen. Allerdings ist die Anzahl der zu besetzende Positionen in Wirtschaft und Verwaltung, in denen es auf nachweisbare WoW-Handlungskompetenz ankommt, noch recht überschaubar.
Verfasst von Guido Strunck