Lawrence Lessig erklärt den Kampf gegen „Piraterie“ für gescheitert

19. Juli 2009

Der Playboy veröffentlichte kürzlich ein Interview mit dem US-Rechtsgelehrten und Copyright-Kritiker Lawrence Lessig. Ein ungewöhnlicher Ort für so ein Interview, zumal auch der Playboy von der Content-Verwertung lebt. Soviel Progressivität hätte ich dem Bunny-Magazin nicht zugetraut.

In dem Interview kritisiert Lessig das (amerikanische) Urheberrecht und dem Kampf gegen illegalisiertes Filesharing. Er sieht das Heraufziehen einer weiteren Prohibition (diesmal gegen die Nutzung von Kulturgütern). Und die hat ja auch beim letzten Mal nicht funktioniert, als es noch um Alkohol ging.

Lessig: „Im vergangenen Jahrzehnt haben Urheberrechtsextremisten einen zunehmend bösartiger werdenden Krieg gegen unsere Kinder geführt, um das Heiligtum des Urheberrechts zu schützen. Sie hatten mindestens ein Dutzend Mal Erfolg dabei, die Gesetze zu verschärfen.“

Zudem kritisiert er, dass diese prohibitive Haltung der Verwerterlobby zu völlig unangemessenen Effekten führt, wie beispielsweise dem Ausschluss Einzelner von der Internetnutzung (Three-Strikes-Regelungen) oder dem Rauswurf aus dem College wegen von der Industrie aufgezwungener „Anti-Piracy-Regeln“.

Sind der Verlust von Bildung und die Mittel, um an einem demokratischen Staat mitwirken zu können, wirklich die vermeintlichen Verluste durch Filesharing bei der Musik- und Filmindustrie wert, hinterfragt Lessig kritisch. Eine Frage, die sich angesichts stetig verschärfter Regeln zum Immaterialgüterrecht auch die Europäer stellen müssen.

„Ein wichtiger Test, ob ein Gesetz existieren sollte, besteht darin, ob es funktioniert. Nicht weil wir das Gesetzbuch nicht mit sinnlosen oder ineffektiven Regelungen füllen sollten, sondern weil eine Gesellschaft, die in Gesetzen schwimmt, die sie nicht respektiert, eine Kultur darstellt, die Verachtung für das Gesetz und die Rechtsstaatlichkeit entwickelt.

Das ist genau dass, was mit unseren Kindern passiert. Seit dem Jahrzehnt, in dem wir diesen Urheberrechtskrieg begonnen haben, erreichten wir keine Reduzierung von P2P-Filesharing. Stattdessen  hat es weiter zugenommen. Wir haben auch nicht die Masse der Kinder reduziert, die dieses Verhalten praktizieren, wissend das es falsch ist. Wir haben nur dafür gesorgt, dass diese Masse gewachsen ist, weil immer mehr Menschen erfahren haben, dass dieses Verhalten illegal ist, und trotzdem daran teilhaben“, so Lessig.

Dabei geht der anerkannte Professor auf einige wichtige Dinge ein, die bislang in der Urheberrechtsdebatte noch selten so klar zur Sprache kamen: „Gemessen am Erfolg, war dieser Krieg ein Fehlschlag: Die Künstler haben nicht mehr Geld, die Wirtschaft hat keine klaren Regeln für ihr Geschäft bekommen. Und eine ganze Generation an Kindern wuchs heran, die denken, dass das Gesetz für den Arsch ist und deshalb ignoriert werden kann. … Aber nach zehn Jahren des Versagens mit buchstäblich Millionen von Leuten, die außerhalb des Rechts leben, ist es an der Zeit für den Gesetzgeber zu erkennen, dass diese Fantasiepolitik zugunsten Hollywoods ein Ende finden muss.“

Und er fordert daher den US-Kongress dazu auf, das Immaterialgüterrecht grundlegend zu reformieren und dabei Lösungen für Remixing, standardisierte Kollektiv-Lizenzen (z.B. creative commons) sowie Entlohnung von Künstlern für Filesharing-Nutzung vorzusehen.

Desweiteren soll klarer gefasst werden, „wem eigentlich was gehört“. Kreativ Schaffende sollen mehr Rechte erhalten, Knebelverträge und Monopole des „korrupten Copyright-Regimes“ (gemeint ist die Verwerterlobby) verschwinden.

Sein treffender Schluss-Satz: „Diese Reformen werden uns helfen, ein System aufzubauen indem Künstler bezahlt werden, anstatt dass nur unsere Kinder kriminalisiert werden“.

Lawrence Lessig ist Herausgeber des Buches „Remix – Making Art and Commerce thrive in the Hybrid Economy”, dass er zum kostenfreien Download ins Internet gestellt hat. (PDF, 4,8 MB – zu finden bei Bloomsbury Academic).


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