Das verworrene deutsche Urheberrecht bietet Abzockern und Gaunern immer wieder neue Geschäftsmodelle. Das gilt nicht nur für die Rotlichtviertel von Abmahnbetrügern sondern zeigt sich zunehmend auch in den gläsernen Bürotürmen großer Softwarehersteller, wie die Wirtschaftswoche berichtet.
Denn die Wirtschaftskrise macht sich auch in den Umsätzen der Softwarehersteller bemerkbar. IT-Projekte werden verschoben oder gekürzt, so manches an sich unnötige Programm abgeschafft, die Notwendigkeit hoher laufender Supportgebühren bei oft mäßiger Gegenleistung zunehmend kritisch hinterfragt.
Aus anderen Lebensbereichen sind wir es zudem gewöhnt, dass Produkte grundsätzlich zu funktionieren haben. Der „Support“ heißt dort Nachbesserung und ist keine extra abrechenbare Dienstleistung sondern eine Ausbesserung von Mängeln auf Kosten des Händlers oder Herstellers.
Zunehmend lassen die Softwarehäuser – insbesondere die „Big Names“ wie Micosoft, Oracle, Citrix oder SAP – durch Wirtschaftsprüfer und IT-Revisoren prüfen, ob die Unternehmen auch genügend Lizenzen haben. Dagegen wäre an sich nichts zu sagen. Allerdings gibt es keine typisierten Lizenzverträge. Während in ganz Deutschland einheitlich geregelt ist, was z.B. ein Mietvertrag ist, kann jeder Softwarehersteller nach Lust und Laune lizenzieren was und wie er will. Da zählt der eine Nutzer, der nächste Rechner, der übernächste Prozessoren und noch einer Sitzungen als Grundlage für den zu erwerbenden Lizenzbedarf. Hinzu kommen Softwarelizenzverträge, die den Umfang von Fachbüchern erreichen und ohne juristische Risikoanalyse auch von versierten IT-Leitern nicht mehr verstanden werden. Und in die bewusst „Fallen“ eingebaut wurden.
Das dahinterstehende Geschäftsmodell beschreibt Thomas Stölzel von der Wirtschaftswoche so:
In jüngster Zeit nehmen jedoch Brancheninsidern zufolge Fälle rasant zu, in denen die Softwareanbieter weit darüber hinausgehen. Dax-Konzerne und große Mittelständler klagen, dass Programmlieferanten wie Oracle und Microsoft sie teilweise zu Unrecht unter Druck setzen. Der Vorwurf: Manche Anbieter bezichtigen ihre Kunden auf Basis schwammig formulierter Verträge dramatischer Lizenzverstöße, fordern Entschädigung in Millionenhöhe, drohen gar, die Nutzung der für die Kunden oft lebenswichtigen Programme zu untersagen. Dann bieten sie ihnen einen harmloseren, aber teuren Ausweg an: mehr Lizenzen oder Wartungsverträge kaufen – auch wenn die zum Teil gar nicht benötigt werden.
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Vor allem Hersteller, deren Neugeschäft in der Krise schwächelt, wollen sich zum Ausgleich an ihren Bestandskunden schadlos halten. Viele verdanken der Verkaufstaktik mittlerweile erhebliche Teile ihrer Einnahmen.
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Die Softwareverkäufer werfen den Kunden Urheberrechtsverstöße vor und konstruieren ein so wirkungsvolles Bedrohungsszenario, dass die Unternehmen zwangsläufig einknicken: Im schlimmsten Fall könnten die Fließbänder Monate lang stillstehen. Oder eine Bank stünde ohne funktionierendes Handelssystem da.
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Die Softwareanbieter bauen gefährliche Klauseln in ihre oft romandicken Verträge ein. So heißt es in den Wälzern des US-Anbieters Attachmate: Wenn der Kunde gegen eine Vertragsbedingung verstoße, könne der Lizenzgeber verlangen, dass er „alle Kopien der Software zerstört“. Um IT-Chefs zum Schwitzen zu bringen, reicht mitunter eine unbegründete Forderung: Allein die Möglichkeit, dass der Anbieter eine einstweilige Verfügung erwirkt, die die Nutzung verbietet, bedroht den Betrieb. Der Richter muss dafür die Gegenseite nicht anhören.
Das Modell basiert also auf einer Kombination aus Erpressung, juristischer Repression sowie Kriminalisierung und zieht darauf ab, aus den betroffenen Unternehmen Zahlungen herauszuholen, die sie unter normalen Umständen nicht leisten würden. „In der jetzigen gesamtwirtschaftlichen Lage kommt uns das alles sehr ungelegen“, so der Lizenzmanager eines süddeutschen Konzerns.
Insbesondere monopolisisch auftretende Anbieter, deren Produkte den Branchenstandard bilden, sind da in einer komfortablen Situation. Sowie solche, deren beim Kunden eingeführte Produkte nicht kurzfristig ersetzt oder ausgetauscht werden können.
Doch der Machtmissbrauch durch die großen Hersteller und Lizenzraubritter hat auch Folgen. Zunehmend schlagen die CIOs zurück, indem sie Produkte von Lizenzraubrittern austauschen, Knebel-Suppportverträge nicht mehr verlängern, verstärkt auf Anbieterunabhängigkeit achten und zunehmend quelloffene sowie lizenzkostenfreie Software einsetzen.
Vorbild ist da die bayerische Landeshauptstadt München. Sie stellt im Rahmen ihres LiMux-Projektes über einen längeren Zeitraum hinweg ca. 14.000 Arbeitsplatzrechner sowie ihre Server-Infrastruktur auf Linux um. Die Zahl an kommerziellen Anwendungen, von denen jede eine eigene Lizenzbürokratie samt juristischer Risikoeinschätzung und Folgeaufwänden für das Lizenzmanagement mit ins Unternehmen einschleppt, wurde so bereits drastisch reduziert.
Verfasst von Guido Strunck