Netzneutralität und Cloud-Computing – ein Widerspruch?

Verteiltes Rechnen ist kein wirklich neues Thema in der Informatik. Es erlebt allerdings in Form des sog. „Cloud-Computing“ seit einiger Zeit eine Renaissance. Konkret geht es darum, dass (vor allem) Unternehmen benötigte IT-Leistungen wie Anwendungen, Speicherplatz, Rechenzeit oder Verarbeitungskapazitäten von darauf spezialisierten Dienstleistern über das Internet beziehen können, anstatt die dazu benötigten Infrastrukturen selbst bereithalten zu müssen.

Dies würde die verbrauchsabhängige Abrechnung tatsächlich genutzter Kapazitäten ermöglichen, wovon sich vor allem IT-Controller beträchtliche Kosteneinsparmöglichkeiten versprechen.

Die Gesamtheit solcher Überlegungen bezeichnet man als Cloud-Computing, weil die Leistungen gewissermaßen „aus einer Wolke“ (dem gängigen Symbol für das Internet auf den Visualisierungen von Netzwerktechnikern) bezogen werden, ohne dass die Details des Zustandekommens der Leistung offensichtlich wären.

Datenschutztechnisch und vom Aspekt der IT-Sicherheit her betrachtet ist Cloud-Computing eine anspruchsvolle, aber nicht unlösbare Aufgabe. Schließlich werden Qualitäts- und Sicherheitsfragen heute auch in anderen Bereichen der verteilten Leistungserbringung in Werkschöpfungsketten erfolgreich gelöst. Ein Auto hat heute auch zahlreichen regulatorischen und sicherheitstechnischen Anforderungen nachweisbar zu genügen, auch wenn es aus Teilen aus aller Welt zusammengesetzt ist und zahlreiche Firmen daran mitgearbeitet haben.

Derzeit  ist es Leistungsanbietern beim Cloud-Computing aber kaum möglich bestimmte Aspekte der Leistung, z.B. Mindestbandbreiten oder maximale Latenzzeiten, vertraglich (z.B. als SLA-Bestandteil) fest zuzusichern. Denn die Datenprotokolle im Internet behandeln alle Daten gleich – egal ob es sich um Mails, Audiodaten oder Filetransfer handelt. Dies ist das Kernprinzip der Netzneutralität. Ob nun gerade viel oder wenig Verkehr im Netz stattfindet und ob die Provider ihre Infrastruktur regelmäßig ausbauen oder „auf Verschleiß“ wirtschaften, können die Nutzer des Netzes nicht beeinflussen. Daher können sie ihren Vertragspartnern auch kaum feste Zusagen bzgl. der Netzqualität machen.

Schon länger streben Telcos und Provider danach selber entscheiden zu dürfen, ob manche Daten auf die Schnellspur dürfen (z.B. die gut zahlender Premiumkunden) während andere im Stau stecken bleiben oder auf Datenfeldwegen dahinschleichen (z.B. die der zahllosen Flatrate-Normalnutzer). Auch wollen sie bestimmte, ihnen nicht genehme Datenarten (z.B. Tauschbörsen und Daten von Konkurrenten) ausbremsen oder ganz sperren können. Daher fordern sie einen regulatorischen Rahmen, der ihnen diese Möglichkeit einräumt. Und mit dem Trend zum Cloud-Computing haben sie nun ein weiteres Argument dafür gefunden.

Kritiker der Konzerne sehen in der Netzneutralität dagegen ein Bollwerk gegen die Kommerzialisierung des Internets. Ist das Internet aktuell ein globales Medium über das auch Geschäfte getätigt werden können, würde die Abschaffung der Netzneutralität den Infrastrukturcharakter des Internets kippen. Und daraus ein globales Businessmedium machen, über das auch (am Rande und nur schmalbandig) auch nichtkommerzielle Dinge laufen könnten. Bankenviertel mit Glastürmen statt öffentlicher Raum für alle.

Daraus könnte sich bald ein veritabler sozialer Konflikt entwickeln. Auf der einen Seite Unternehmen, die per Cloud-Computing Geld sparen wollen, Firmen, die solche Leistungen anbieten sowie die Telcos und Provider. Auf der anderen Seite die Allgemeinheit der Netznutzer, die ein funktionierendes, von Konzerninteressen und Wirtschaftsmonopolen unabhängiges Internet wünscht und darin auch eher eine regulierte öffentliche Infrastruktur und weniger ein privatwirtschaftliches Gut sieht.

2 Antworten zu Netzneutralität und Cloud-Computing – ein Widerspruch?

  1. Cloud Computing vs. Netzneutralität…

    Auf dem IT-Sicherheit Blog wird die Frage gestellt, ob Cloud Computing die Netzneutralität gefährdet. Das Argument dabei, das anbieten von Ressourcen über das Internet wird für viele Anwender nur mit garantierter Verfügbarkeit und insbesondere Leitung…

  2. Heiko sagt:

    Also komplett widersprüchlich finde ich es nicht. Ich finde es eher kritisch das als Argument gegen Netzneutralität aufzufahren. Klar wenn man Cloud Services benutzt will man den bestmöglichen Service (und damit Performance). Allerdings müssen die Anbieter eben weiter an Optimierung arbeiten. Ich denke persönlich, dass Netzneutralität wichtiger ist als perfekte Verfügbarkeit und Leistung. Vielleicht nicht den Unternehmen aber sich für “uns”.

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