Das Internet hat zu einer weltweiten Vernetzung völlig unterschiedlicher Kulturen, Subkulturen und Weltvorstellungen geführt. Daher besteht einer der globalen kulturellen Internetkonflikte darin, wie man mit Verhaltensweisen umgehen soll, die in einem Land als übelstes Verbrechen betrachtet werden für das hohe Haftstrafen verhängt werden, und in einem anderen als geringfügige Ordnungswidrigkeit die per Knöllchen oder Bestechung der Polizei aus der Welt geschafft wird.
Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist so ein Fall. Da geht die juristische Würdigung schon innerhalb der EU für das gleiche üble Vergehen von der Geldbuße bis hin zur langjährigen Inhaftierung – je nachdem in welchem Land der Übeltäter vor Gericht gestellt wird.
Daher hat sich in den letzten zehn Jahren im Internet so etwas wie eine „pädophile Sub(un)kultur“ entwickelt. Zudem haben technische Gerätschaften wie Fotohandys oder Digitalkameras und Videorecorder im Taschenformat das Erstellen von kinderpornografischem Material enorm vereinfacht und das Risiko der Aufdeckung dieses Treibens beträchtlich reduziert. Ein Austausch von pädophilem Gedankengut mit Artgenossen, die Verbreitung von Bild- oder Filmmaterial war noch nie zuvor so einfach möglich. Das Internet wurde somit zu einem Zufluchtsort, um den zumeist verbotenen Trieben in uneingeschränkter Anonymität nachgehen zu können.
Oft versuchen Pädophile Kontakte mit Jugendlichen aufzubauen, in dem sie sich in Chat-Räumen oder Social Networks als scheinbar Gleichaltrige ausgeben (eine Variante von Social Engineering). Daher hat es sich eine Gruppe von Wissenschaftlern an der Lancaster Universität zum Ziel gesetzt, dem Kollektiv von Straftätern bei diesem Vorgehen mit Hilfe von ausspähender und verhaltensanalysierender Software einen Strich durch die Rechnung zu machen. Veröffentlichungen zu entsprechenden Überlegungen und Verfahren sind schon seit längerem in der einschlägigen Fachliteratur zu verfolgen. Die angewandte Sprache und die Schreibweise des verdächtigten Nutzer soll dazu automatisiert analysiert werden, um herauszufinden, ob sich ein Erwachsener als Kind maskiert hat und ob er strafbares Aktivitäten im Sinn hat. Das auch als „Project Isis“ bekannte Modell soll auch im System des Verdächtigen typisch verwendete Schlüsselbegriffe von Pädophilen herausfiltern, wie beispielsweise die Dateinamen im Medienarchiv, um weitere Anhaltspunkte sicherzustellen.
(Ahnliche Aktivitäten im Bezug auf Neonazis in Deutschland haben allerdings in der Vergangenheit nur deren Kreativität im Bezug auf Begriffe, Symbole und kulturelle Codes angefacht – s.a. Braunerpeter.de sowie das Gutmenschenblog)
Professor Awais Rashid von der Lancaster Universität, sprach von einer künstlichen Intelligenz des Programms und betonte, dass es mit vielen wissenschaftlichen Algorithmen funktioniere (was den Einsatz neuronaler Netzwerke naheliegend erscheinen lässt). Das Suchverhalten der Verdächtigen im Filesharing-Netzwerk und in Online-Suchmaschinen soll durch genauste Analyse erkennen, ob es sich wirklich um einen Straftäter handelt. Zu diesem Themenbereich sagt er folgendes: „Ein unerfahrenes Auge kann sogar mit größter Anstrengung nicht die Absichten der vermeintlich unschuldigen Suchanfragen ermitteln. Mit unserem Analyseverfahren jedoch wird es uns gelingen, jede Art von Onlineverhalten auf genauste Weise nachzuvollziehen“.
Konkret soll Projekt Isis drei Grundanforderungen erfüllen:
1. Aktive pädophile Nutzer in Online-Communities identifizieren.
2. Distributoren von Medien mit pädophilen Inhalten im Internet ausfindig machen.
3. „Ethisch vertretbares“ Monitoring (Ausspähen von Nutzeraktivitäten) in Sozialen Netzwerken durch Bereitstelen entsprechender technischer Lösungen ermöglichen.
Kaum jemand würde die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit solcher Dinge bestreiten – solange es gegen Kindesmisshandler geht. Doch zeigt bereits ein Blick in die Geschichte, dass Technologien eigentlich immer missbraucht wurden, sobald sie in die Hand der Machthaber gerieten. Zyklon B war einst ein nützliches und wirksames Mittel zur Bekämpfung von Schädlingen – bis die Nazis entdeckten, dass man damit auch massenhaft und billig jüdische Mitbürger vergasen konnte. Die Erforschung der Kernspaltung brachte die Atombombe hervor – lange bevor der erste Kernreaktor produktiv und friedlich Energie erzeugte. Die Vorratsdatenspeicherung und die präventive Kriminalisierung des demokratischen Souveräns (vulgo: das Volk) im Namen des Terrorwahns zeigen, dass auch in Deutschland Vorsicht und Misstrauen gegenüber dem Staat mehr als angebracht sind.
Es bleibt also abzuwarten, was aus Projekt Isis wird. Und wie man dessen Ergebnisse kontrolliert zu forensischen Zwecken nutzen kann, ohne dem Staat noch mehr Macht und Kontrolle über das Volk einzuräumen.
Falls nicht künftige, auf Datenschutz und Anonymität getrimmte, quelloffene Internetsoftware genau die Informationen verhackstückt mit denen die KI von Isis pädophile Nutzer identifizieren will (bullshit in, bullshit out – altes Entwickler- und Tester-Prinzip). Dann wäre Isis bald wieder so blind wie es Justitia sein sollte.
Gulli.com: Spyware-Software soll Pädophile im Internet identifizieren